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Dr. JoachimLanghein

Vorstellung meiner Datenbank Proportion, Metrologie und modulare Gestaltordnung in Architektur, Kunst, Kultur und Natur

Ein Zwischenbericht über Stand und Einsatzmöglichkeiten für die Forschung

1. Ausgangsinteresse

Mein Interesse an dem Thema Proportion ist auf ungewöhnlichem Wege entstanden: Im Zuge einer geographischen Dissertation zur Entwicklung einer ökologischen Systemtheorie über die Überlebensfähigkeit des Supersystems Erde und der derzeit noch parasitär auf ihr existierenden Zivilisation. Etwa 15 Jahre lang habe ich hierfür etliche relevante Sachgebiete studiert oder durchforstet, darunter auch z.B. Sozial- und Kulturwissenschaften, Psychologie, Anthropologie, Ökologie, Biologie, usw. Am Schluß ergab sich klar, daß als immanenter Ursachenkomplex an der Überlebensbedrohung die Instabilität der gegenwärtigen Lebensformen der Zivilisationsmenschen verantwortlich zu machen ist. Aus dieser Perspektive gewinnt das Morphologische oder Physiognomische der Lebensumgebung (also die Gestaltqualitäten der Umwelt) eine erstrangige Rolle, da auch die sensorische, vor allem die visuelle und akustische Umwelt, ständig stabilisierend oder destabilisierend auf den Menschen einwirken. Hierbei nehmen die Grundaspekte der Wechselwirkung und Rückkopplung eine kaum zu unterschätzende Bedeutung an. Es handelt sich um eine Thematik, die dem vorherrschenden Objektivismus oder Cartesianismus der europäischen Wissenschaftswelt fremd sein müssen. Notwendigerweise führten diese Betrachtungen dann zu Fragen der Ästhetik der natürlichen und artifiziellen Umwelt; zum zunehmenden Verlust an Ästhetik (Aisthesis) in der Lebens- und Alltagsumwelt, zum Faktum der darin vorherrschenden Häßlichkeit, Unwohnlichkeit, des Mangels an Geborgenheit und Lebensfreundlichkeit der zivilisatorisch gemachten Umwelt. Die schon von GOETHE grundsätzlich als objektiv verstandene Ästhetik könnte ohne Umweltbelastung das Leben umfassend fördern, während das Unästhetische nach GOETHE das Lebendige im Menschen stocken mache. Doch: Niemals - wie in diesem Jahrhundert - zuvor hat die Menschheit in solcher Massivität als Regelprodukt unästhetische Umweltgestaltung hervorgebracht.

2. Parallelität zwischen ökologischer Systemtheorie und der Ästhetik auf der Basis objektiver Prinzipien, u.a. der Proportionen

Interessant ist, daß die gleichen Prinzipien, die für die systemtheoretische Definition von Stabilität und Gesundheit gültig sind, auch für die Stabilität der Natur und Kultursysteme gelten. Das Wort "Einheit in der Mannigfaltigkeit" gilt also sowohl für die Stabilität der Lebenssysteme (Natur, Mensch) als auch für die Charakterisierung des Schönen bzw. der Ästhetik. Ein wesentliches Konstituens des Schönen ist die Proportion - zusammen mit dem Lebendigkeit akzentuierenden Rhythmus. Sie überwindet die Dialektik zwischen Einheit und Vielfalt und verhindert das Auseinanderfallen von Gestalten in Chaos und Monotonie. Insofern ist, ich muß hier die längeren Argumentationswege zusammenfassen, die Schönheit - und damit die Proportion (sie entspricht übrigens dem Systembegriff Relationsgefüge) - nicht Luxus, sondern Überlebensvoraussetzung.

3. Geschichte der Datenbank

Im Zuge einer anderen Dissertation begann ich dann nebenberuflich etwa um 1980 mit der systematischen Erfassung der Informationen über die Bedeutung der Proportion vor allem in der Architektur, dann in der Kunst und anderen Wissensgebieten. Es stellte sich rasch heraus, daß die Literatur zu diesem elementaren Thema nicht nur heillose Widersprüche aufwies, sondern auch geradezu hoffnungslos verstreut war. Nicht zuletzt faszinierte mich als Unterthema die Bedeutung der Proportion, Baugeometrie oder Baumathematik in der Anonymarchitektur - ein kaum beachtetes Thema, obwohl gerade die Anonymarchitektur entscheidend für die Gestaltharmonie zwischen dem Naturbedingten und Kulturgeschaffenen in der Kulturlandschaft ist. Zu diesem vernachlässigten Thema führte ich 1985-87 eine Expertenbefragungsaktion mit ca. 6.000 Briefen in 16 Sprachen in viele Länder durch. Die Resonanz auf diese Aktion erbrachte ca. 800 Antworten, meist versehen mit Zusendungen von Sonderdrucken usw. Diese Datensammlung wurde zum Grundstock meiner Datenbank. Bis zu etwa 20.000 Nachweisen hatte ich mir zur Regel gemacht, fast jedes nachgewiesene Dokument möglichst auch zu besitzen. 1987 begann ich mit dem computergestützten Sammeln von Literaturinformationen nach den Kriterien von Online-Datenbanken.

Der Aufbau ging bis 1991 zügig voran, stockte dann wegen größer gewordener beruflicher Verpflichtungen und wachsender Schwierigkeiten, mit den damals verfügbaren Möglichkeiten unter begrenztem Zeitbudget qualitativ nennenswerte Zuwächse zu erreichen. Die Datenbank wird nunmehr für den Verkauf an Hosts und Forschungszentren vorbereitet.

4. Weitere Entwicklung

Die Datenbank hat derzeit 54.000 Datensätze: diese enthalten alle üblichen bibliographischen Daten einschließlich einer Verschlagwortung in Deutsch und Englisch. Die vollständige englische Verschlagwortung ist z.Z. noch nicht abgeschlossen.

Das Internet eröffnet mir die Möglichkeit, den Ausbau der Datenbank deutlich zu beschleunigen und die Voraussage zu wagen, daß für das Gesamtthema mindestens 100.000, wenn nicht noch wesentlich mehr, Titelnachweise in Frage kommen werden. Wovon ich gegenwärtig mit verhältnismäßig bescheidenen Mitteln bereits ein Drittel gesammelt habe.

5. Inhalte

Zwar habe ich weiterhin den Schwerpunkt Architektur beibehalten, aber viele Nebenthemen miteinbezogen. Die Datenbank setzt sich zum Ziel, daß jedes schriftliche Dokument, unabhängig von Ursprungszeit, -Kultur und -Sprache, das wesentliche Aussagen zu Haupt- und Nebenthemen macht, aufgenommen werden kann. Derzeit machen deutschsprachige Veröffentlichungen 26% aus, englischsprachige 38%, italienische 11,5%, französische 11%, und der Rest verteilt sich auf über 50 andere Sprachen. Ich selbst kann über 35 Sprachen mehr schlecht als recht lesen, darunter auch nah- und fernöstliche (vor allem Japanisch, Chinesisch) und die meisten europäischen Sprachen. Selbstverständlich ist inzwischen auch die Musik ein wesentliches Thema. Ein faszinierendes übergreifendes Thema ist das der Sphärenharmonie, ein Thema, das bis KEPLER nur Spekulation war, aber mit diesem zu nachgewiesener Erkenntnis wurde.

Die Datenbank bringt für die Forschung u.a. folgenden Nutzen:


Einen Punkt will ich herausgreifen: Konrad HECHT hat mit einem gewissen Recht die Willkürlichkeit vieler spekulativer Proportionsanalysen beklagt und daraufhin solchen Analysen überhaupt jede Berechtigung abgesprochen. Selbst wenn HECHT mit seiner maßlos überzogenen Auffassung recht hätte - was ich zutiefst bezweifle -, so würden doch von einer anderen Seite solche Analysen durchaus ihre Berechtigung finden: nämlich von Seiten der klassischen (kaum mehr existenten) Gestaltpsychologie: Denn solche Analysen sind in ihrer Mehrzahl noch ausreichend für den Nachweis des Vorhandenseins einer "guten Gestalt" oder "prägnanten Gestalt" oder "Gestaltordnung". Proportion ist eine wesentliche Bedingung für das Zustandekommen von Gestaltordnung, sei sie visuell oder akustisch. Dabei toleriert die Wahrnehmung bestimmte Unschärfen, andere aber nicht. Im Räumlichen ist die Ordnung des Ganzen vor allem wichtig. Die Wahrnehmung des Menschen bemüht sich offenbar stets, die Informationsfülle durch Aufbau höherer Gestalten zu reduzieren, also von der Zeichenfülle zur Zeichenordnung zu gelangen. Diesen Übergang erlaubt i.d.R. die alte Architektur, die moderne Architektur aber eher in Ausnahmen. Proportion und Rhythmus sind die Mittel, durch die Ordnung und Fülle, die Einheit und Vielfalt ins Gleichgewicht gebracht werden, ohne daß sie in Monotonie und Chaos - also Wahrnehmungszwänge - zerfallen.

Bereits im alten, vielleicht sogar in den ältesten Schriften der Schriftkulturen des Nahen, Mittleren und Fernen Ostens sind Fragen der Proportion, Metrologie und damit zusammenhängender Grundthemen behandelt worden. Oft in einer beeindruckenden Tiefe in bezug auf ihre Bedeutung für die Förderung der edelsten Aspekte des menschlichen Lebens, wie z.B. bei PYTHAGORAS, PLATO, mittelalterlichen Philosophen. Auch in der Bibel, in religiösen jüdischen und islamischen Schriften (z.B., in den Schriften über den Tempel des Salomo) finden sich Hinweise auf die Bedeutung des guten Maßes.

Man muß davon ausgehen, daß nur geringe Teile der alten Schriften über Proportion und angrenzende Gebiete aus Europa, Indien, anderen asiatischen Kulturen noch erhalten geblieben sind. Sie behandeln die Vermessung, geometrische Regeln, Sakralgeometrie, Architektur (vor allem Sakralarchitektur), Ornamentik, Symbolik, Musik, Kosmologie, Philosophie, oder siedeln die Proportionsthematik auch in das transzendentale Reich der Ideen an, wie bei PLATO, der aber gleichzeitig in gewisser Hinsicht ihre lebensweltliche Bedeutung angedeutet hat. VITRUV nennt mehrere Dutzend bedeutende griechische Traktatschriften über Architektur und Proportion, die alle verlorengegangen sind. DIOGENES LAERTIUS gibt in seiner Philosophiegeschichte eine knappe Zusammenfassung der Lehren mancher ansonsten in ihren Schriften oft verlorener Philosophen, die sich auch mit unserem Thema befaßt haben.

6. Weitgespanntes Themenspektrum

Der Bogen der Themen ist weitgespannt. Er befaßt sich mit den edlen Dingen des Menschentums. Er reicht von der großen Palette kunsthistorischer Arbeiten in vielen Sprachen zu einer geringeren Zahl theoretischer Studien über Proportion und Module als Konstituantia des Ästhetischen, Schönen, prägnanter Gestalten. Im deutschen Sprachraum hat Konrad HECHTs Diffamierung der Proportion in den letzten 20 Jahren eine empfindliche Forschungslücke hinterlassen, die inzwischen wieder durch Analysen und Arbeiten aus dem amerikanischen, romanischen und slawischen Raum aufgefüllt wird. Der Bogen geht aber auch über eine große Zahl von Traktaten, die jenem eigenartig instruktiven Lehrwerktypus aus der Antike und gelegentlich des Mittelalters, vor allem aber der Renaissance, des Barocks und der Zeit bis 1850 angehören, in dem das Theoretische in engster Verquickung mit dem praktisch Handwerklichen steht.

Die Datenbank bezieht sich derzeit zu ca. 80% auf Europa bzw. europäisch-transatlantische Kulturen. Aber Indien ist z.B. mit 3,9%, der Islam mit >9%, China mit 1% und Japan 0,6% in der Datenbank vertreten. Das Mittelalter mit ca. 15%, die Renaissance >10%. Italien ist 8%, die Traktate mit 8%. Als besonders anregend habe ich Proportionsliteratur aus Italien, Frankreich und neuerdings auch aus den USA empfunden, aber auch aus fast allen anderen osteuropäischen Ländern, wobei auch der Südosten erwähnt werden soll, z.B. Bulgarien, Mazedonien, Ungarn, Rumänien, Kroatien, Slowenien usw.

Das Internet stellte für meine Datenbank keine Konkurrenz dar, sondern eine optimale Ergänzung. Man müßte z.B. jahrelang im Internet suchen, um die bibliographischen Informationen auch nur halbwegs so vollständig abrufen zu können, wie das aus meiner Datenbank möglich ist. Meine Datenbank enthält viele Informationen, die nirgendwo anders abrufbar sind, z.B. Briefe von Forschern (u.a. Rudolf Arnheim) und Materialien aus dem Nachlaß einiger Proportionsforscher.

Bei der Suche im Internet muß man selbstverständlich lernen, die Spreu vom Weizen zu trennen, z.B. bei dem, was jetzt modischerweise "sacred geometry" genannt wird. Man kann aber auch viele interessante Entdeckungen nennen, für die ich nur zwei Namen nennen möchte: Dan Winter und Barbara Hero.

Der Ausbau der Datenbank wird noch Jahrzehnte in Anspruch nehmen und muß irgendwann an eine engagierte Gruppe übergeben werden. Eine Produktbeschreibung kann angefordert werden.
 

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ęDr. J. Langhein

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